Navigation überspringen

 
9 Leben

9 LEBEN Maria Speth, D 2010

„Die Straße ist zwar kein schöner Ort, aber immer noch besser als zu Hause“

'9 Leben' porträtiert das Schicksal Jugendlicher, die sich im Alter von 11, 12 oder 13 Jahren entschieden haben, von zu Hause wegzugehen und auf der Straße zu leben: Sunny, Toni, Krümel, JJ, Stöpsel, Soja und Za. Junge Menschen, von denen jeder einzelne mittlerweile auch schon neun Leben gelebt haben könnte. Versehen mit seelischen und körperlichen Beschädigungen. Doch trotzdem gibt es bei ihnen eine enorme Kraft, Talente und Fähigkeiten zu entdecken. Dieser Reichtum an persönlichen Möglichkeiten steht im Mittelpunkt des Films.

Maria Speth über '9 Leben'
Im Umfeld von Straßenkindern, wo ich zu meinem Spielfilmprojekt „Anonym (AT)“ recherchiert habe, traf ich Menschen, deren Biografien, Talente, Lebensphilosophien sowie deren Freude, Verzweiflung und Kraft mich sehr berührten. Ich war überrascht, wie viele von ihnen nicht den Klischeevorstellungen entsprachen, die man über Obdachlose leicht mit sich herumträgt. Und erstaunt, dass bei mir selbst viele solcher Vorurteile im Hinterkopf herumspukten. Obwohl die körperlichen und seelischen Schädigungen ihrer extremen Lebensumstände unübersehbar waren, begeisterten mich ihre Intelligenz und künstlerischen Fähigkeiten. Menschen wie „du und ich“, die unter anderen Umständen vielleicht ebenso andere Lebenswege eingeschlagen hätten. Unmittelbar entstand das Bedürfnis, ihnen eine Stimme zu geben. Und einen Raum, aber nicht einen privaten, sondern einen abstrakten, in dem alle Konzentration auf ihren Persönlichkeiten liegen sollte. Wie auf den Porträtfotos aus „The American West“ von Richard Avedon. Deshalb erzählen Sunny, Toni, Krümel, JJ, Stöpsel, Soja und Za im Studio vor neutralem Hintergrund erst einmal über sich selbst. Und so entstehen „lebende“ Porträtfotos. Oder Porträtfilme. Wie in einer Ausstellung.

Die Auswahl der „Fälle“ aus diesem großen Spektrum von Lebensaltern und –formen war ganz subjektiv und erhebt keinen Anspruch auf statistische Repräsentanz. Zum Beispiel Za, die mit richtigem Namen Elisabetha heißt. Die mit dreizehn anfing, nach der Schule mit ihrer Freundin Assi auf den Alexanderplatz zu gehen, mit vierzehn das Musikgymnasium abbrach, von zu Hause auszog und bei ihren Kumpels auf dem Alex schlief.
Oder Stöpsel, die jahrelang am Breitscheidplatz schnorrte, um Essen und Drogen zu kaufen. Heute lebt sie mit Mann und fünf Kindern im Wedding. Mit Meldeadresse. Oder der einunddreißigjährige Krümel, der nach zwanzig Jahren Obdachlosigkeit immer noch da übernachtet, wo es gerade möglich ist. Und sagt: „Ich fühle mich nirgendwo zu Hause.“ Aber unabhängig von allen Veränderungen ihrer Lebensumstände bleiben alle von der Erfahrung der Straße geprägt.

Die Gespräche wurden mit zwei Kameras in verschiedenen Einstellungsgrößen gedreht. In High Definition, aus Respekt und mit dem Wunsch nach deutlicher Sichtbarkeit. Themen wie Familie, Straße, Drogen, Erfahrungen mit dem Sozialstaat, dem Jugendamt, der Polizei, Wohn- und Arbeitssituation usw. stehen im Mittelpunkt. Sie bilden die dramaturgische Struktur des Films. Durch die themenbezogene Montage entsteht dabei ein konfrontierendes und kontrastierendes, fiktives Gespräch zwischen allen Beteiligten. So verschwindet auch die Dokumentaristin – als Fragende - aus dem Film. Und gesellschaftliche Muster oder Gemeinsamkeiten werden sichtbar, sodass der Blick des Zuschauers sowohl auf das Allgemeine als auch Besondere und Einmalige dieser Menschen gelenkt wird.

mehr... weniger...

Pressestimmen

Selten ist das medial häufig gespiegelte Schicksal sogenannter street kids so intensiv erzählt worden. (epd Film)

Maria Speths „9 Leben“ stellt junge Ausreißer vor die auf der Straße leben. Doch die bisherige Spielfilmregisseurin geht nicht an die Punker-Treffplätze sondern lässt ihre gepiercten Heldinnen und Helden ihre Geschichten professionell ausgeleuchtet im Studio erzählen und verdichtet das Ergebnis zu einer raffinierten Komposition in lichtem Schwarz-Weiß. So werden aus den Schmuddelkindern von der U-Bahn-Treppe erstaunlich klar artikulierende Jugendliche, die sich mit Überlebenskunst und Mut aus schwierigen familiären Verhältnissen befreien. (Der Tagesspiegel)

Ein beeindruckender Dokumentarfilm. (...) Sie alle haben nicht nur den Schmerz, sondern sie haben Haltung, Stil, Intelligenz. Eine Zukunft. (tip Berlin)

Preise und Festivals