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100 Jahre Adolf Hitler

EPD Film, P. W. Jansen

Schlingensief hat schon viele Filme gemacht, die bei den Mitwirkenden und Zuschauern die Schmerzgrenze berühren. Die Banalität des Bösen, hier wird sie zum Ereignis.

TIP Berlin

Es gibt noch Filme, die dich aus der Kurve tragen, dich und den täuschenden Vorschein von ästhetischen und politischen, intimen und historischen Gewissheiten.

European Photography, Januar 1990: Festivalbericht 2. Europäisches Medienkunst-Festival in Osnabrück, Thomas Kemp

Meine Favoriten waren diesmal: Erstens Simon Robertshaw, zweitens Peter Greenaway und schließlich Christoph Schlingensief. Vielleicht darf man Schlingensief als den letzten Überlebenden, oder besser noch als den einzig legitimen Erben des Undergroundfilms bezeichnen. Sein neustes Werk HUNDERT JAHRE ADOLF HITLER ist ein "Schmutz- und Schundfilm", gegen den sich Kenneth Angers SCORPIO RISING wie ein braver Werbespot für Motorradzubehör ausnimmt.

Schlingensiefs an einem Tag und in dreckigen Schwarzweiß gefilmte Arbeit steht einsam zwischen den bunten Bildern auf 16mm oder U-Matic. Der Verzicht auf die allseits beliebte Reflexion über das Filmemachen, die groben Verstöße gegen die eiementarsten Standards der Kameraführung, der Beleuchtung und der Tontechnik, das exaltierte Chargieren der Darsteller - alles in diesem Film läßt die Atmosphäre der Gefahr und des Traumas entstehen, wie sie vielleicht nur deutsche Erinnerungen umgibt. Wer sich, wie ich, nach dieser Erlebnis ins Videoprogramm "Made in Scotland" begab, mochte nicht glauben, noch auf demselben Festival zu sein. So unentschlossen, altmodisch fixiert auch auf die alten Grundfragen des expermentierenden Kinos waren diese zumeist kurzen Videostückchen. Derlei Enttäuschungen aber bereitet nicht das Festival dem Zuschauer, beim Zuschauer selbst liegt der Grund. Denn Osnabrück macht einfach weiter, den Blick ungerührt auf alles, was flimmert und flackert.

Rolf Aurich, "Der Trümmerfilm eines Egomanen", 17.08.89

Hier und Jetzt wird ein gegenwärtiger Wahn zum Ausdruck gebracht, es geht nicht darum, Adolf Hitler zu verstehen oder Joseph Goebbels zu verstehen oder Hermann Göring, der Film unternimmt keinen Versuch eines "historischen Psychogramms".

Schlingensief ist der Differenz auf der Spur, "durch die Vergangenes erst als vergangen wahrzunehmen ist und durch die sich modernes historisches Bewußtsein als Differenzbewußtsein konstituiert" (Rainer Rother, Merkur 483, Mai 1989). Er filmt ganz offen nichts als Gegenwart (die ja tatsächlich, wie sein Film, als unser vorfilmischer Alltag auch durchsetzt ist von Naziemblemen, -uniformen und -gedanken) als Ausprägung des historischen Prozesses selber. Was er filmt, sind gegenwärtige Trümmer und Bruchstellen - innere wie äußere -, angeleuchtet den ganzen Film über von einer einzigen Funzel, nicht hell genug, um alles zu erklären, und doch hell genug, um zu erkennen, daß in diesem Bunker Charaktere ausgelebt werden. Hier und Jetzt wird ein gegenwärtiger Wahn zum Ausdruck gebracht, es geht nicht darum, Adolf Hitler zu verstehen oder Joseph Goebbels zu verstehen oder Hermann Göring, Der Film unternimmt keinen Versuch eines "historischen Psychogramms". Eine ähnliche Haltung gegenüber dem Aspekt der Geschichte ist bekannt durch die Filme von Daniele Huillet und Jean·Marie Straub. Die entschiedene Andersartigkeit ihres ganzen Werkes jedoch gründet in seiner "Abhängigkeit" von literarischen und musikalischen Vorarbeiten wie in seinem perfektionierten theatralischen Modus bei der Arbeit mit den Darsteller. In einem veröffentlichten Auszug aus seinem unveröffentlichten Theaterstück "Der Zuschauer als Film" hat Schlingensief 1987 zu seiner Arbeit geschrieben: "Ich suchte Drehorte, die unerträglich waren, die jeden Normalen veraniaßt hätten. das Weite zu suchen. Ich plante den Drehplan so, daß er niemals zu schaffen war, es sei denn, Team und Darsteller wären bereit gewesen, 10 Tage ohne Schlaf auszukommen. Und ich schrieb Drehbücher, die man nicht spielen könnte, geschweige denn verstehen." (filmwärts Nr, 7. Mai 1987)




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