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100 Jahre Adolf Hitler

100 JAHRE ADOLF HITLER Christoph Schlingensief, D 1989, 55 min

Die letzte Stunde im Führerbunker

Udo Kier als Hitler. Ein Licht, ein Tag, ein Führer. Fünf Männer, vier Frauen, von einem Handscheinwerfer aus dem Dunkel herausgezerrt. Wir sehen die letzte Stunde im Führerbunker, so wie sie wirklich war.

In knapp 16 Stunden an einem Stück gedreht, in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, zeigt 1OO JAHRE ADOLF HITLER Inzest und Intrigen, Getöse und Krawall. Es geht um die große Geste und den Abgrund und das Lachen, wenn es gut gegangen ist.

1OO JAHRE ADOLF HITLER ist Schlingensiefs bis dorthin wichtigster und meist beachteter Film. Er bringt ihm seitens seiner Fürsprecher den Ruf ein, "der letzte deutsche Heimatfilmer" (Georg Seeßlen) zu sein, der mittels Brüskierung Aufruhr entfacht, um Harmonie und schließlich Heimat zu finden. Mit der Hitlerfigur, die von nun an häufig in seine Arbeit 'einmarschiert', legt Schlingensief die Hand - sprich die Kamera, die Handkamera - in die offenste aller deutschen Wunden. Hier ist Hitler keine vergangene Personalkatastrophe, sondern die Fratze des absurden Menschen an sich, der sich als elternlos, als höheres Wesen begreift, dessen völlige Monstrosität jedoch nicht in die Anstalt, sondern an die Macht führt und drauflos wütet.

Man begreift 1OO JAHRE ADOLF HITLER weniger durch die Frage, wo der Film hin will, was er 'erreichen' will, sondern eher durch die Frage, wovor sie weglaufen, vor wem sie fliehen - und dabei eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Der 1. Teil von Schlingensiefs DEUTSCHLAND TRILOGIE, gefolgt von DAS DEUTSCHE KETTENSÄGENMASSAKER  und TERROR 2000

Interview mit Christoph Schlingensief zu 100 JAHRE ADOLF HITLER
und Impressionen aus dem Bunker

Die Süddeutsche Zeitung schrieb, "das ZDF täte gut daran, Sie als Regisseur zu verpflichten. Die würden ihr blaues Wunder erleben." Welches Wunder ist in der LETZTEN STUNDE IM FÜHRERBUNKER zu erleben. und wieso blau?

Hitler, Wenders und Strauß haben als Deutsche uns Deutschen in diesem deutschen Film etwas zu sagen, und das ist reif fürs Guiness-Buch der Rekorde, weil ich den Film in knapp 16 Stunden für 14.000 Mark gedreht habe. 

Aber das ist ja ungeheuerlich ...

Genauso wie es Franz Joseph Strauß in meinem Film sagt: "Wenn man es einmal politisch wertneutral ausdrückt, dann hat der Deutsche im Zweiten Weltkrieg Ungeheures geleistet. Hut ab vor dieser Leistung!" "Der Deutsche muß endlich begreifen lernen, daß in diesem Leben nicht alles aufgeht wie eine mathematische Glteichung: 2 x 2 = 4" (Franz Joseph Strauß).

Aber so bewältigt man doch nicht die Vergangenheit!

Eben. Die Deutschen müssen jetzt das Gefühl entwickeln, dass sie es waren. Aber statt das Gefühl zu kultivieren, pflegt man hier den Zweifel und das Leiden im Gefühl; in Wenders' ENGEL IN BERLIN muß daher wieder ein Bund geschlossen werden - mit der Vorsehung -, damit andere die Gefühle verwalten und damit 2 x 2 = 4 ist. Ich fInde, der Zustand, in dem wir gerade leben, ist jetzt genug erklärt. Die Zustände im Hitler-Film habe ich ausgemalt, ausprobiert, also mich fallengelassen und losgelassen, um die Gefahr des Scheiterns einzugehen und die Obsession rauszubringen und evtI. sogar loszuwerden. 

Das klingt nun wenig reflektiert, wir könnten ...

... über den Begriff der Romantik plaudern, ja, ja, wir sollten aber bei den Fakten und Risiken bleiben. Im Hitler-Film, gedreht in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg in Mülheim (Ruhr), fiel Hitler-Darsteller Udo Kler in einen vier Meter tiefen Lüftungsschacht, den die Stadt risikoreich getarnt hatte, und das war sowieso das Ende der Dreharbeiten - und der Anfang des aktuellen Rechtsstreits mit der Stadt. Es tut mir leid für Udo - der es überlebt hat. Aber im Hitler-Film geht es um die große Geste und den Abgrund und das Lachen, wenn es gut gegangen ist. Avantgarde ohne Ecken und Kanten, das gibt es nicht. Ich bin für Profil. 

Sie tragen die Verantwortung?

Ja, sicher, ich bin Diktator, und obwohl alle Deutschen genug Macht hätten, weiß keiner, wie sie auszuzüben ist. Diedrich Diederichsen hat das gerade in 'Spex' beklagt und damit den Popmarkt ebenso gemeint wie die deutsche Sozialdemokratie. Also ich habe mich bemüht, aus der Machtausübung eine Kunst zu machen. Der Hitler-Film ist mit einer einzigen Handleuchte ausgeleuchtet; die hatte ich in der Hand. Erstens, eine Diktatur des Lichts. Zweitens, billiger als die totale Ausleuchtung in den Fernsehserien. Drittens, Witz und Horror: aus was für einem Dunkel kommt was ans Licht, Viertens, der Zuschauer ist dabei, wenn eine Aura entsteht.

Der Film ist mit seinen knapp 60 Minuten zu kurz fürs Kino ...

Eine Stunde, auch die letzte, ist nunmal nicht länger als 60 Minuten. Aber das Buch ist eigentlich ein Theaterstück, und wenn das Vertriebskonzept gefördert werden sollte, gibt es in fünf Städten einen Führerbunker-Abend mit Theaterstunde plus Heavy Metal-Auftritt plus Videocassettenverkauf und dann erst am Schluß die Film-Stunde. -Oder die Kinos führen DIE LETZTE STUNDE IM FÜHRERBUNKER zusammen mit MUTTERS MASKE als Doppelfeature auf. Die Filme sind seelenverwandt. Sie gehören unbedingt zusammen. Der eine verlogen und befutzt und der andere offen und ehrlich. MUTTERS MASKE: ein Fernsehfilm. Und der Hitlerfilm: einer, bei dem sich alle freuen. Bloß der Projektor muß heil bleiben. Denn da läuft die Arbeitskopie durch, wenn's mit dem aktuellen Topf in Nordrhein-Westfalen nicht klappt. Bei 14.000 DM Produktionskosten ist eine Vorführkopie nicht mehr drin. Und das Drehverhältnis konnte ich auch nicht mehr verbessern. 1zu 2,7 ist es jetzt, dem dokumentarischen 1 : 1 immerhin angenähert. 

Herr Schlingensief, der Dr. Goebbels ist ein entfernter Verwandter von Ihnen?

Ich habe einen Horror vor Genealogie und Psychologie. Das Leben ist keine Schiene, auf der es zielsicher längs geht. Der Hitlerfilm ist für mich die Endstation vom Anfang. Barschelwanne! Bloß, daß es ganz woanders weitergehen kann: Wenn z.B. jetzt Freddy Deutschmann eine Serie von mir (3 x 50 Min.) im französischen Fernsehen produzieren will. Und natürlich, wenn Joseph Goebbels in meiner Darstellerliste auftaucht: Da sitzt man dann selbst mit drin. Das hab ich aber ziemlich genau in meinem Artikel wiedergegeben: "Wir alle suchen nach Bildern, die uns Anhaltspunkte geben in einer Zeit, in der man uns alles erklärt hat. Wie großartig sind da gerade die Dinge, die nichts erklären, die sich uns zur freien Verfügung präsentieren. Wie großartig ist die Monstranz, die etwas zeigt, was wir nicht wissen." (KINO-FRONTEN, Trickster Verlag). Die Monstranz find ich dann natürlich überall wieder neu. Z.B. in den Tagebüchern von Goebbels, um auf den Anfang Ihrer Frage zurückzukommen.

Das Interview mit Christoph Schlingensief führte Dietrich Kuhlbrodt im Januar 1989 (Katalog Berlinale 1989) 

 
"Aufatmen um 2.30 Uhr: "Wir sind durch ..." - Impressionen aus dem Bunker

2.30 Uhr morgens im Bunker an der Bergstraße: Im Zeitlupentempo sinkt Regieassistent Uli Hanisch zu Boden: "Wir sind durch. Das ist unglaublich." Mit mühsam unterdrückter Spannung zwingt er sich, Seite um Seite zu prüfen, ob keine Szene vergessen wurde. Das letzte Blatt. Ein erlösendes Aufatmen: "Er hat's geschafft. Es ist unglaublich." Christoph Schlingensief und sein Team haben einen Rekord aufgestellt: 100 JAHRE ADOLF HITLER - Die letzte Stunde Im Führerbunker, eln Splelfilm von 60 Minuten Länge. Vorbereitungszeit: Zwei Wochen. Budget: 10.000 Mark. Drehzelt knapp 16 Stunden ... (Neue Ruhr Zeitung, 02.12.1988, Ulla Sahl) 

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Zitate

Pressestimmen

Schlingensief hat schon viele Filme gemacht, die bei den Mitwirkenden und Zuschauern die Schmerzgrenze berühren. Die Banalität des Bösen, hier wird sie zum Ereignis. (EPD Film, P. W. Jansen)

Es gibt noch Filme, die dich aus der Kurve tragen, dich und den täuschenden Vorschein von ästhetischen und politischen, intimen und historischen Gewissheiten. (TIP Berlin)

Meine Favoriten waren diesmal: Erstens Simon Robertshaw, zweitens Peter Greenaway und schließlich Christoph Schlingensief. Vielleicht darf man Schlingensief als den letzten Überlebenden, oder besser noch als den einzig legitimen Erben des Undergroundfilms bezeichnen. Sein neustes Werk HUNDERT JAHRE ADOLF HITLER ist ein "Schmutz- und Schundfilm", gegen den sich Kenneth Angers SCORPIO RISING wie ein braver Werbespot für Motorradzubehör ausnimmt. (European Photography, Januar 1990: Festivalbericht 2. Europäisches Medienkunst-Festival in Osnabrück, Thomas Kemp) mehr...

Hier und Jetzt wird ein gegenwärtiger Wahn zum Ausdruck gebracht, es geht nicht darum, Adolf Hitler zu verstehen oder Joseph Goebbels zu verstehen oder Hermann Göring, der Film unternimmt keinen Versuch eines "historischen Psychogramms". (Rolf Aurich, "Der Trümmerfilm eines Egomanen", 17.08.89) mehr...

Preise und Festivals