Berlin Stories
taz, 14. Februar 2005, Margareth Obexer
Besser dürfte sich ein Pollesch nicht weiterträumen lassen. -
Die echte Erfahrung des Unechten
Das Theater als Vampir des echten Lebens: Der Film "Stadt als Beute" (Forum) träumt ein Stück von René Pollesch weiter. Der Weg vom abstrakten Text in die konkrete Welt und zurück kostet die Schauspieler mehr als erwartet
Wann beginnt ein Schauspieler, ein echter Schauspieler zu sein und damit kein Schauspieler mehr? Marlon (Richard Kropf) hat keinen Begriff mehr davon, als er vor versammelter Crew einen echten Pollesch geben soll. Seiner ehrfürchtigen Betonung, seiner ernsten Geste streckt der Text des Theaterautors gnadenlos die Zunge entgegen, ebenso gnadenlos, wie die übrigen Schauspieler die Nase rümpfen. "Das ist so unecht, so künstlich wie Stroh aus Plastik", scheinen sie ihm ins Ohr zu flüstern. Also was? Was fehlt ihm? Etwa das Leben, das echte? Als ob das in den Stücken von René Pollesch so einfach zu finden wäre. Mit diesem Ziel jedenfalls verlässt Marlon die erste Probe mit einem Text, der sich ihm verweigert wie das Leben, von dem der Text sagt, dass es sich verweigert. Die Stadt scheint dennoch auf einen wie ihn, der gerade erst angereist ist, gewartet zu haben. Bereits mit dem harmlosen Betreten seines WG-Zimmers gerät er in die exzentrischen Alltagsabläufe anderer und wird schonungslos darin verwurstet - und wieder ausgespuckt, bis er mit einer blutenden Wunde erneut vor dem Theater steht. Ganz echt ist er zur Beute der Stadt geworden. Die Erfahrung des Unechten ist eben nichts, was nicht echt erfahrbar wäre. Die Theaterproben zu 'Stadt als Beute' sind die Rahmengeschichte des gleichnamigen Films, der mit drei Episoden jeweils den Weg des Schauspielers vom abstrakten Text in die konkrete Welt und von der konkreten Welt in den Text zeigt. Die drei Regisseurinnen des Films (Irene v. Alberti, Miriam Dehne und Esther Gronenborn) folgen also dem Hauptthema Polleschs und der Verdeutlichung, dass es ein Leben außerhalb künstlicher Reproduktions- und Verwertungszusammenhänge nicht gibt. Sie umkreisen es, spielen damit, scheren aus, gehen manchmal einen Schritt zurück, um es dann mithilfe einer geschickten Konstruktion zu vervielfältigen. Es beginnt schon damit, dass die Theaterproben nicht echt sind und nach den unechten Filmtheaterproben die echten Theaterproben beginnen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Kamera auf den Spuren von Lissy, die in den Wunschenklaven des Rotlichtmilieus auf das richtige Leben zu treffen hofft. Umschmeichelt von einem geklauten Mantel, der jeden zum Star macht, trifft sie auf Julian, einen Callboy (Stipe Erceg), und Babe, die Tabledancerin (Julia Hummer). Mit Glamour und Champagner, dem Glimmer, den sie sich mit Küssen gegenseitig über die Gesichter verteilen und einer rührseligen Kindheitsgeschichte Julians glaubt Lissy eine Nacht lang, dass sich die Patina, die auf jedem Leben liegt, gelöst hätte. Bis sie zur Kasse gebeten wird. Ein verdrehtes und damit echtes Spiel mit dem unechten Leben treibt der dritte Teil des Films. Unverhohlen skeptisch, geradezu gleichgültig geht Ohboy (David Scheller) mit seinem Text um. Er erscheint erst gar nicht zur Probe und treibt sich stattdessen saumselig in der Stadt herum, wo ihm der Text bald abhanden kommt und nur die leere Plastikhülle übrig bleibt. Der Mangel am richtigen Sein im Jetzt scheint den Sozialhilfeempfänger, der aus jeglichen Verwertungszusammenhängen längst ausgeschieden ist, nicht weiter zu belangen. Wirklich ist der Goldstaub, den er sich in der Kneipe zuführt, so wie es die Handels- und Verwaltungszentren am Potsdamer Platz sind, dabei heißt es doch im Text, "dass das Sony-Gebäude nicht eigentlich da steht, wo es steht, das Sony-Gebäude steht in Indien, in Pakistan." Ohboy schreit sich diesen Satz vom Leib, als wolle er mit ihm das übermächtige Gebäude vor ihm zum Verschwinden bringen. Dabei wird es mächtiger und mächtiger. Wie sehr es existiert, zeigen zuletzt die Wachpolizisten, die ihn aus dem Teich fischen und ihn unsanft aus dem Gebäudekomplex beseitigen. Das Theater, das sich sonst als jenseitiger Reflexionsort über das Leben draußen darstellt, wird im Film selbst zu einem Glied in einer Kette von Verwertungszusammenhängen, vielmehr: zum Ausgangspunkt und Anfang einer unendlichen und vampiresken Abfolge von Verwertungen, die den Film als zusätzlichen Verwerter einschließt. "Was du liebst, hast du soeben verkauft", heißt es an einer Stelle. Besser dürfte sich ein Pollesch nicht weiterträumen lassen.
Süddeutsche Zeitung, Nr.158, 2005, Hans Schifferle
Ein kleiner schmutziger Film, packend, poetisch und klug. -
Don Quijote gegen Sony - 'Stadt als Beute', drei Filmvariationen zu René Pollesch
Er heißt wie Brando. Und tatsächlich gerät der junge Marlon, der eben erst in Berlin angekommen ist, in eine Actor’s-Studio-Situation. Als Schauspieler probt er für ein Stück, dessen Sätze er nicht richtig hervorbringen kann. Und im wirklichen Leben geht das Kind seiner WG-Mitbewohnerin verloren, auf das er hätte aufpassen sollen. Das nächtliche Berlin wird für ihn zum Labyrinth. Der dramatische Text, in dem es um die Position des Einzelnen in einer globalen Ökonomie geht, schwirrt ihm durch den Kopf, während er nach dem Jungen sucht. Diese Suche reicht von bizarrkomischen Momenten bis an den Rand der Verzweiflung. Der arme Marlon gerät an eine selbstzerstörerische femme fatale und wird gar für einen Päderasten gehalten. Wie in einer grausamen Komödie scheint er alles nur noch schlimmer zu machen mit seinen nervösen Aktionen. Bis zum Ende bleibt offen, ob diese ausweglose Lage bitterer Ernst ist oder nur ein ernstes Kinderspiel, ein Workshop der Emotionen, der die Orientierungslosigkeit in der scheinbar so übersichtlich vernetzten Urbanität spürbar macht. Die Marlon-Story ist die erste Episode des filmischen Triptychons mit dem tollen Titel "Stadt als Beute", das von drei Filmemacherinnen in Anlehnung an das gleichnamige Stück von Rene Pollesch (der sich im Film auch gleichsam selbst spielt) inszeniert wurde. "Marlon“ ist als selbstironischer Berlin-Noir von Irene von Alberti in Szene gesetzt worden, "Lizzy", die zweite Episode, wurde fast märchenhaft von Miriam Dehne gestylt. Diesmal ist es eine Schauspielerin, die von einem Pollesch- Text verfolgt wird und diesen in der Realität überprüft. Die toughe Lizzy, ziemlich gut gespielt von Inga Busch, probt die Rolle einer Dirne. Es geht darum, wie sich der Ausverkauf der Stadt auf den Ausverkauf der Körper überträgt. Lizzy gelangt in eine Nachtbar, wo sie einen südländischen Zuhälter-Typen und eine Pornodarstellerin trifft. Die Szene zwischen den dreien entwickelt sich zu einem psycho-erotischen Pokerspiel. Wer übertölpelt wen? Ein kleiner Diskurs über Identitäten und Rollenspiele wird glamourös durchgespielt, von fern an Mike Nichols' "Closer" erinnernd. Die ausgetrickste Lizzy erbeutet schließlich auch selbst etwas für ihre Arbeit, für ihr Leben als Schauspielerin. Polleschs Texte sind so komplex wie der urbane Dschungel, und der Film gibt keine Antworten, in seiner Sinnlichkeit verschärft er in schöner Weise die Ambiguität. Gibt es einen Unterschied zwischen echtem und imaginierten Leben? Ohboy heißt der Held der dritten Episode, von Esther Gronenborn. Und das ist auch als Wortspiel zu verstehen, wie vieles in diesem verspielten, auch manchmal kindischen Omnibusfilm. Dieser Ohboy ist das personifizierte Chaos, ein Straßentyp und Sozialhilfeempfänger, ein exotischer Laie, der eigentlich seine Chance als Theaterschauspieler nutzen will, aber aus Versagensängsten durch die Stadt hetzt. Sein Text handelt passend vom Sein und Nichtsein, vom Nomadentum der Großkonzerne, die es überall und nirgends gibt. Während die anderen Theaterleute ungeduldig auf sein Erscheinen bei einer Probe warten, führt er am Potsdamer Platz eine eigene kleine Performance auf und kämpft wie Don Quijote gegen die Mühlen des Sony-Gebäudes und der eigenen Angst. "Ohboy" ist gewissermaßen die neorealistische Variante in diesem dreiteiligen Stadtbild, der dramatische Text wird hier förmlich in die Straßen geschrieben. Berlin vu par ... Alberti, Dehne, Gronenborn. Die drei Regisseurinnen versuchen auf Rene Polleschs Spuren die Stadt neu zu erobern. Im Grunde ist das ein kleiner schmutziger Film, manchmal besserwisserisch, enervierend, schematisch, im nächsten Moment aber auch packend, poetisch und klug. So sagt einmal Julia Hummer als unschuldige und doch wissende Porno-Queen den irren Satz: "Wenn du an einen Pokertisch gehst und du siehst keinen Versager, dann bist du es selbst."
Film-Dienst, 13/2005, Horst Peter Koll
Stadt als Beute ist ein faszinierender, höchst anregender Low-Low-Budget-Film, der souverän mit seinen (monetär begrenzten) Mitteln und Möglichkeiten operiert und dabei wie aus einem Guss wirkt - trotz dreier unterschiedlicher Regisseurinnen, die einen sehr kreativen Weg gefunden haben, ihre Kräfte zu bündeln und auf diversen Ebenen spielerisch zu verknüpfen, flott und erstaunlich leicht. Dabei wäre der Film durchaus auch politisch zu deuten, wobei er kein agitierendes Thesenpapier ist, sondern eine höchst rhythmische, subtile und sogar humorvolle Städtetour, die zwischen dem Konkreten und Greifbaren hindurchhorcht, um Stimmungen und Befindlichkeiten einzufangen.
Dies ist keine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks des umstrittenen, gleichwohl hoch prämierten Autors und Regisseurs Rene Pollesch - was wohl auch kaum möglich wäre, funktioniert die geballte Sammlung von furiosen Sentenzen, die im September 2001 erstmals in der Prater Wohnbühne der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz aufgeführt wurde, doch primär als "Rezitationsgewitter" ohne sonderliche narrative Erdung, wie sie das Kino (meistens) braucht. Dass es Pollesch mit "Stadt als Beute" fertig brachte, die Komplexe „postfordistische Subjektivität und Arbeitsverhältnisse" sowie „die Umstrukturierung der Städte durch Privatisierung und Ausgrenzung" unter Verwendung Foucaultscher Begriffe vom soziologischen Schreibtisch aus auf die dramatische Bühne zu bringen, wie es in einer Rezension so schön plastisch formuliert wurde, könnte von einer konkreten filmischen Adaption zusätzlich abschrecken. lrene von Alberti bringt jedoch ihr Interesse an Pollesch und seiner Auseinandersetzung mit der modernen Lebensund Arbeitswelt nachvollziehbar und sehr anregend auf den Punkt: Die Sätze sind für sie keine Dialoge, sondern Diskurse, bei denen alles gleichzeitig stattfindet und damit quasi alles möglich, denkbar und assoziierbar wird – eine höchst schöpferische intellektuelle Spielwiese also, auf er man grast und pflückt, um eigene Schwingungen und Gedanken auszuloten und sie auch filmisch zu erschließen. Urbane und menschliche Standortbestimmungen bedingen einander dabei; genauso, wie die kalte Technologie der Großstadt die Einsamkeit und Verzweiflung der Menschen befördert, hält der Mensch seinerseits dagegen, verweigert sich intuitiv der Fremdbestimmung auf vielerlei Art und Weise, will nicht Beute der Stadt sein, sondern sie sich nutzbar machen, sich ihrer bedienen, sie "erbeuten". Es ist eine bezwingende Idee, sich Polleschs theoretischem Konzept durch kleine filmische Geschichten quasi von außen zu nähern, um es „sinnlich“ erfahrbar zu machen: Drei junge Menschen stehen im Zentrum einer Bühnenprobe unter der Regie von Pollesch, stehen mal ratlos, mal amüsiert, dann aggressiv und unwirsch dem Text (und den Mitspielern) gegenüber, bemühen sich um Deutung, Intonation und Interpretation und werden dabei, mehr oder weniger hilfreich, vom Regisseur "gecoacht". Der ist manchmal weniger Impresario als eher ein verkappter Therapeut der nicht nur Fordert sich in die Texte einzudenken und einzufühlen, sondern beharrlich erläutert, warum es gerade die ausgewählten jungen Schauspieler sind, die sein „Material“ durchformen: Sie leben in der Großstadt, sind Teil davon, Suchende und Ratlose, Neugierige und Verunsicherte, Lebens(un)tüchtige, (Über-) Lebenskünstler, auch Selbst- Darsteller. Nicht minder faszinierend ist, dass sich den drei zentralen Figuren drei unterschiedliche Regisseurinnenangenommen haben, um sie aus der Probensituation hinaus „ins Leben“ zu begleiten. Dabei passiert etwas sehr Spannendes: Polleschs abstrakte Textphrasen schwingen nach und halten der Alltagsprüfung stand. Assoziationen vernetzen sich, ähnlich wie sich gelegentlich die Wege der drei kreuzen, sich verwandte Situationen ergeben und zum vitalen, authentischen Diskurs über Stadt und Beruf. Einsamkeit und Freundschaft, Sehnsucht und Leidenschaft, Angst und Isolation verflechten. Da ist zunächst Marlon. Er ist neu in der Stadt, unsicher und linkisch. Polleschs Text macht ihn ratlos und aggressiv. Er schleppt ihn wie einen Ballast mit in seinen Alltag: in seine provisorische Unterkunft in einer Wohngemeinschaft, wo er die Verantwortung aufgezwungen bekommt, auf ein einsames Kind aufzupassen, und einem Rivalen um die Theaterrolle begegnet. Marlon gerät auf eine nächtliche Odyssee und bekommt wortwörtlich eins auf die Nase, bevor er wieder zur Probe erscheint - blutend, verletzt, womöglich um einige vage Erfahrungen "reicher". Lizzy ist weit selbstbewusster und "stadttauglicher". Für eine Filmpremiere, die sich an die Probe anschließt, stiehlt sie einen Designer-Mantel und landet in einer Nachtbar, die lediglich von einer naiven Blondine an der Tanzstange sowie dem jungen Geschäftsführer besetzt ist. Die wenigen räumlichen wie thematischen Vorgaben werden zum mitreißenden Parforce-Ritt für eine faszinierende Inga Busch, die sich in der seltsam tranceartigen Episode, aber auch den kurzen Probeszenen mit Pollesch regelrecht „auslebt", lacht und schreit, gurrt und tanzt - erotisch und zugleich souverän verfremdend. Gleichwohl gibt "ihre" Lizzy sich nicht preis, schlüpft am Ende in eine andere Identität, die sie dem Geschäftsführer "gestohlen" hat, der sie womöglich seinerseits erfunden hat. Ohboy schließlich stammt aus einem gänzlich anderen sozialen Milieu. Er lebt vom Sozialamt und vor allem von vielen Illusionen, die signalisieren sollen, dass er doch eigentlich „alles im Griff" hat. Er hat nicht nur intellektuell Angst vor den komplizierten Pollesch-Texten, drückt sich vor der Probe, treibt durch Berlin und schimpft aufs Sony-Gebäude - gleichwohl mit Polleschs Worten, die also nicht sang- und klanglos an ihm abprallen. Am Ende kommen die drei wieder im Theater zusammen, wo sich ihre individuellen Erfahrungen "entladen", bevor der Premierenabend naht. "Stadt als Beute" ist ein faszinierender, höchst anregender Low-Low-Budget-Film, der souverän mit seinen (monetär begrenzten) Mitteln und Möglichkeiten operiert und dabei wie aus einem Guss wirkt - trotz dreier unterschiedlicher Regisseurinnen, die einen sehr kreativen Weg gefunden haben, ihre Kräfte zu bündeln und auf diversen Ebenen spielerisch zu verknüpfen, wobei kaum der Eindruck des Episodischen entsteht. Flott und erstaunlich leicht ist bereits der Einstieg, der jede .Angst" vor der Komplexität des Theatersujets nimmt und geschickt dessen Emotionalität erschließt. Dabei wäre der Film durchaus auch politisch zu deuten, wobei er kein agitierendes Thesenpapier ist, sondern eine höchst rhythmische, subtile und sogar humorvolle Städtetour, die zwischen dem Konkreten und Greifbaren hindurchhorcht, um Stimmungen und Befindlichkeiten einzufangen.